Tiger-Willi

Bayerisch-poetisch, mörderisch-gut: Tiger Willy in concert
von Michèle Kirner

Über die Bühne des "Lyrik-Kabinetts" in München zerstreut liegt ein Blätterwerk an gekritzelten Gedankenstützen, Gitarren warten gut verpackt oder bereitgestellt auf ihren Einsatz. Auch dieses Jahr führt Tiger Willi im Lyrik Kabinett ein musikalisches Balladenstück auf. Als Gesamtkunstwerk gefeiert, betritt er die Bühne und löst sich bereits im ersten Satz von allem, was ihn zum abstrakten Kunstwerk hat werden lassen und macht sich das Publikum zum Komplizen: "Hoffentlich komme ich nicht draus!"

Einige von uns werfen einen Blick auf die zerstreuten Blätter zu seinen Füßen, andere kichern, noch andere wirken irritiert. Der Mann, der da in Tigerweste und mit getigertem Kappi hinter dem Mikrofon steht, die Finger ein wenig verloren an den Gitarrensaiten, könnte auch ein Zuschauer sein, der spontan einen Auftritt versucht. Die scheinbare Unbeholfenheit klärt der Künstler mit seiner Vergangenheit auf: Als Metzgerlehrling musste er einst Blut vergießen, das er jetzt in manchen seiner Lieder fließen lässt.

Um dem Schicksal eines Schlächters zu entkommen, holte er mit knapp 30 Jahren das Abitur nach und studierte die Kunst und Sozialwissenschaften. Er studierte die Muse, die er auch im blutrünstigsten Text irgendwo untergebracht hat. Er besingt Schicksale, die er aus Bayerns Umland zusammengesucht und in Lieder verarbeitet hat. Er erinnert an Erika und ihren 20 Jahre jüngeren Geliebten, der das Interesse an ihr verloren hat. Eines Nachts liegt Erika tot im Bett. Ein trauriges Stück Leben, das Tiger Willi erst ohne Umschweife besingt: "Sie hat si an Puls mit'm Messer aufgmacht. Schneeweiße Laken warn rot von iram (ihrem) Bluat." und poetisch abschließt: "Ich bin der Herr der Welt und leide. Ich suche beständig mein Glück. Zieh' wie die Wolken weit hin über's Land, kehr wieder auf's Meer zurück. Kehr' wieder auf's Meer zurück."

Tiger Willi singt ungehemmt heraus, was er einst in seiner Umgebung gesehen, gelesen oder gehört hat. In den Liedern rinnt Sperma über die Holzprothese, schreiten aufreizende Damen im Mini aus dem Beichtstuhl heraus oder wird die Bäuerin von ihrem Bauern auf den Strich geschickt. Er singt von Liebe und Kummer, von Mord und Todschlag, vom Leben und vom Sterben; besingt tragische Schicksale ohne dabei melodramatisch zu werden. Die Zuschauer schunkeln strahlend, lassen sich zum Mitsingen bewegen, krähen fröhlich den Refrain: "Servus Onkel Franz, viel Spaß beim Totentanz" und haben den Scham verloren, der vor dem Konzert in ihnen gehaust haben mag.

Die, deren Scham überwiegt, haben das Konzert in der Pause verlassen. Das gehört zu den Auftritten Tiger Willis dazu, raunt eine bunt gekleidete Mittfünfzigerin ihrer Nachbarin zu. Es gibt immer welche, die diese schonungslos ausgesprochene Wahrheit nicht ertragen und davor fliehen. Die vielen, die zurückbleiben, sind dem Tiger fortan treu ergeben.

Und das, obwohl oder vielleicht gerade weil der Auftritt ab und zu zum Stillstand kommt. Mitten im Satz fällt dem Künstler gerne mal was ein, was er dringend und sofort loswerden muss. Über diesen Einfällen entfällt dem Sänger auch mal was anderes: Er kommt "draus". Plötzlich ist der Text weg, plötzlich spielt er noch Akkorde und fragt: "Weiß jemand weiter?". Alles "Weg vor lauter Freude", erklärt der Tiger und holt sich vom Publikum die Erinnerung an die nächste Strophe zurück. Ein Publikum, das im Schlaf kennt, was er einst gedichtet und kurzfristig vergessen hat.

Aber nicht nur die Zuschauer überrascht der Tiger mit seinen Programmänderungen, sondern auch den Journalisten und Musiker Wolfgang Görl, der ihm auf der Bühne musikalisch perfekt zur Seite steht. Geschickt überbrückt er die unerwarteten Wechsel des Tigers, hat seinerseits - vermutlich aus gutem Grund -keine Gedankenstützen auf dem Notenständer zum Auftritt mitgebracht. "Man weiß nie genau, was er als Nächstes vor hat", gesteht der Gitarrist mit einem Augenzwinkern und sucht sich des öfters mal die richtigen Töne zusammen, die ein unvermittelter Akkordwechsel des Künstlers von ihm fordern.

Nach drei Zugaben sind Tiger Willi und die Konzertgäste glücklich. Nach drei Zugaben habe ich ein weiteres Stück Bayern kennengelernt, das mir bis dahin verschlossen geblieben ist. Ein Stück Bayern aus Tiger Willis Perspektive. "Draus gekommen" ist er nicht, vielmehr hat er uns allen für sein Bayern die Augen geöffnet.