PollyTour.de

HAUPTSACH' GSUND SAMMA

HAUPTSACH GSUND SAMMA

Band II aus der übergeordneten Serie "Habe di Ehre" ist unter dem Titel "Hauptsach' gsund samma" erschienen.
Ein guter Autor erfindet spannende Geschichten und wird bestenfalls berühmt. Ein Heimatschreiber, so wie ich einer bin, macht sich auf den Weg und schreibt auf, was ihm über den Weg läuft. Das kann eine nackerte Semmeleinkäuferin sein, die stets am Heiligen Sonntag die Landsberger Straße entlang flaniert, ein paar gefrorene Semmelknödel aus Guiching, die am Zoll im Amiland für Kanonenkugeln gehalten werden oder aber eine Leiche, die ins falsche Leichenschauhaus gesetzt wurde. In diesem Falle statt in ein Leichenschauhaus in Olching wurde der Verstorbene am Friedhof bei St. Vitus verfrachtet. Geschichten, die allesamt wahr waren und die das Leben geschrieben hat. Man muss sich nur hinsetzen und sie zu Papier bringen. Entstanden ist ein buntes Kaleidoskop, das auf Vollkommenheit keinen Wert legt. Denn wichtig ist bei alledem - insbesondere zu Zeiten wie diesen - "Hauptsach g'sund bleiben" - oder was die Emmi vom Oberen Wirt stets nach einem Leichenschmaus gesagt hat: "Schod is und goa ist, aba weida geh muaß trotzdem".

 

Schod is und goa is ...

Emmi Brand

„Des gibt’s doch net. Gestern ham mia no gredt und gredt… und jetzt soi des vorbei sei?“, sagte Otto Wildmoser, langjähriger Stammgast beim Oberen Wirt in Gilching. Die Rede war von Emilie Brand, die am 22. Januar 2001 nach Dienstschluss von Sonntag auf Montag im Alter von 79 Jahren in ihrer Wohnung zwar erschöpft von einem anstrengenden Arbeitstag, dennoch friedlich für immer eingeschlafen ist. Die Kartenspieler waren damals die letzten, denen sie gegen 22 Uhr ein so genanntes „Nachhause-Bier“ einschenkte. Wildmoser erinnert sich: „Dann hods zamputzt, zuagsperrt und ist zum Steam hoamganga.“ Damit wurde ihr Wunsch, bis zum letzten Atemzuge zu arbeiten, erfüllt.

An Originalität war die Emmi nicht zu überbieten. Wer von ihr gemocht wurde, genoss eine bevorzugte Behandlung. Wer ihr nicht symphytisch war, musste auch mal länger auf die Bestellung warten. Legendär ihr Spruch, bestellte ein Gast, schlimmstenfalls noch preußischer Abstammung und unwissend der emmischen Gepflogenheiten, leichtsinnigerweise „ein kleines Bier“: „Do wartst jetzt, bist‘ an gscheidn Durst host, und dann bschäisd da a Hoibe.“ Im Klartext: Mit einem kleinen Bier fangen wir hier gar nicht erst an. Wartest noch eine Weile ab, bis du wirklich durstig bist, und dann bestellst du dir einen halben Liter Bier, damit sich der Weg für mich auch lohnt.

Unvergessen auch Emmis Auftritte während eines Theaterspiels. War es Zufall oder von der Emmi geschickt so eingefädelt, jedenfalls schaffte sie es meist während einer spannenden Liebesszene auf der Bühne, den Saal zu stürmen und mit einem dampfenden Teller in der Hand lauthals zu schreien: „Schweinsbratn mit Knödln. Wer hod an Schweinsbratn mit Knödln bschtäid?“ Die Liebensszene wurde so lange eingefroren, bis Emmi serviert und den Theatersaal wieder verlassen hatte.

Die Emmi war ein Original, wie es der Heimatschreiber Georg Queri hätte nicht uriger erfinden können, sagte Roland von Rebay (1926 bis 2014) nach ihrem Tode. „Zu meiner aktiven Eishockeyzeit haben die Männer jeden Alters für sie geschwärmt.“ Der Weßlinger Architekt kannte die Emmi noch aus ihrer Zeit als Servicekraft im „Gasthof zur Post“ in Weßling. 20 Jahre hat sie dort Dienst getan. Als die Post 1962 abbrannte, wechselte Emmi zum Oberen Wirt nach Gilching. Emmis Leitspruch, den sie nach jedem Leichenschmaus im Oberen Wirt von sich gab: „Schod is und goa ist, aba weida geh muaß trotzdem.“

Aus "Hauptsach' g'sund samma - Guichinger G'schichtn über aufplatzte Weißwürscht und a verschwundene Leich'".

 

Aus Starnberger Merkur vom 25. März 2019