Anton Leitner
DAS GEDICHT
Fürchte dich nicht – spiele
Herausgegeben von Anton G. Leitner und Friedrich Ani
von Michèle Kirner
Die Angst ist fester Bestandteil des menschlichen Lebens. Kinder fürchten sich im Dunkeln, vor der bösen Hexe und irgendwann vor Schulaufgaben. Der Erwachsene fürchtet die Wirtschaftskrise, das Versagen oder den Tod. Die Zeitungen sind ein Fundus an Ängsten und Hiobsbotschaften. Dort war auch die Neuigkeit veröffentlicht, dass die Lyrik vom Aussterben bedroht sei. Eine Nachricht, die Anton G. Leitner und Friedrich Ani zu dem Gedichtband „DAS GEDICHT, Fürchte dich nicht – spiele“ beflügelt hat. Darin befassen sich 77 bayerische Dichter in 99 Gedichten mit der Angst – und betrachten das Schreckensgespinst von ganz unterschiedlichen Seiten.
„Es ging uns vor allem darum, Verse zu präsentieren, die etwas riskieren, Lyrik mit dem Mut zum Übermut und Sprachspiel, poetische Aufbrüche zum Lebendigsein“, schreibt der Herausgeber Anton Leitner. Und tatsächlich sind die Verse mutig, aufwühlend, herzlich und immer lebendig poetisch. Darin sind Erkenntnisse über die Angst versammelt wie jene von Frantz Wittkamp: „Der Angsthase, den wir kennen, der mit dem hellbraunen Fell, der kann ohne Angst nicht rennen. Jedenfalls nicht mehr so schnell.“ oder die Einsicht von Fitzgerald Kusz: „mir ist das herz in die hose gerutscht jetzt kann ich nimmer vor mir davonlaufen“. Auch die Prüfungsangst hat sich eingeschlichen, die Andreas Schumacher verdichtet hat und zum Schluss kommt: „(…) da hab ich (egal wie man’s dreht oder wendet) die physische Laufbahn für immer beendet.“. Jan Wagner lässt seine Furcht im Maisfeld heraus, wo sich sein Protagonist verirrt und der Mais hämisch mit dem „maul voller Goldzähne“ grinst. Alma Larsen wiederum bringt das Blut im Winter zum Gefrieren. Die Ängste überwältigen den Dichter beim Zahnarztbesuch oder im Steingeröll. Besonders lebensnah sind die Schrecken der Kleinen, die im Alter von 5 bis 11 Jahren Fürchterliches dichteten. Yunus (5) hat keine Angst vor Schlangen, erkennt stattdessen die Ängste der Schlange oder Merve (9), hat einen Streit unter Freundinnen gespenstisch gereimt und Mehmet (9) fürchtet seinen Kopf aus Glas.
Friedrich An hat in einem Essay die Angst in „Das mögliche Glück“ verwandelt und rät zur „Wiederentdeckung des Übermuts“. Wir befinden uns in einer Zeit, in denen wir „die Arbeit für unser Leben halten“, unser Geld, unsere Geschäfte, unsere Realität virtuell über den Bildschirm flackern und mehr Schein als Sein sind. Wir haben verlernt zu spielen, beklagt der Essayist und rüttelt den Leser mit dem Bild einer überalterten Gesellschaft wach: ausgestorbenen Spielplätze, aus denen Alten- und Obdachlosenheimen sprießen.
„Fürchte dich nicht – spiele“ konfrontiert die Angst und wirft die Frage auf, ob wir unser Leben den Ängsten zum Fraß vorwerfen oder doch lieber das Leben leben wollen. Dieter Höss hat diesen Zustand treffend in sechs Zeilen gefasst: „Die ganz kurze Zeit, da er seine Sorge los war und noch keine andere hatte – er wusste sie nicht zu genießen.“ Also fürchte dich nicht, genieße!
