KINDERGESCHICHTEN
ALFRED RIEPERTINGER

Alfred Riepertinger, Jahrgang 1955, ist medizinischer Präparator und Oberpräparator am Institut für Pathologie des Klinikums Schwabing. Er ist spezialisiert darauf, Leichname wiederherzustellen (z.B. nach Unfällen) und ist eine Koryphäe in der Technik der Einbalsamierung. Des Weiteren ist Alfred Riepertinger ein Experte auf dem Gebiet der Plastination und hat unter anderem mit Gunther von Hagens zusammengearbeitet. Der Autor von "Mein Leben mit den Toten" ist verheiratet und lebt in Germering bei München.
Wie in seinem ersten Buch erzählt Alfred Riepertinger unterhaltsam, spannend und sehr persönlich. Der Leser erfährt Interessantes über Mumien und Gebräuche rund um das Thema Tod, Bestattungsriten, Aberglaube und Glaube sowie manche kuriose Begebenheit.

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Im Lauf meines Lebens habe ich rund 30.000 Leichen gesehen und/oder an ihnen gearbeitet. Bei den meisten wusste ich ungefähr, was mich erwartete. Wenn ich jedoch einen Sarg öffne, der seit Jahrzehnten, ja manchmal Jahrhunderten verschlossen war, weiß ich nicht, was ich zu Augen bekommen werde. Es gibt kaum etwas Spannenderes, als einen Sarg aus einer Gruft zu öffnen und die Geschichten zu lesen, die mir die sterblichen Überreste erzählen. Manches erschließt sich auf den ersten Blick, anderes erst mit Hilfe ausgeklügelter Technik.

Die meisten Menschen denken bei Mumien an Ägypten. Dass auch bei uns in Deutschland ständig Mumien gefunden werden, wissen viele nicht. Allein in Münchner Wohnungen und Kellern werden jedes Jahr einige Mumien entdeckt, ohne dass Ägypter am Werk gewesen wären. Denn um zu mumifizieren braucht es keine Bandagen. Eine Mumie entsteht nicht durch eine Tätigkeit, sondern mit der Zeit. Man kann niemanden mumifizieren, es bleibt der Zeit und trockener Luft vorbehalten. Man kann den Prozess jedoch beschleunigen, wie es die alten Ägypter perfektionierten.

Leichname, die in unserer Zeit mumifizieren, waren meistens schlank. Nach dem Tod verliert der Körper Flüssigkeit, ein voluminöser Körper fault leichter als ein schlanker. Je weniger Flüssigkeit sich in einem Körper befindet, desto schneller beginnt der Austrocknungsprozess mit dem Endergebnis der Mumifizierung. Diesen Austrocknungsprozess haben die Ägypter mit diversen Maßnahmen beschleunigt. So legten sie die Leichname als erstes für vierzig Tage in Natron, damit sie entwässerten. Dadurch pökelten sie die Leichen, wie auch Seefahrer damals Fleisch und Fisch haltbar machten. Anschließend wurden die Leichname in der Sonne oder auf Grillstellagen getrocknet, um die letzten Reste von Flüssigkeit zu eliminieren. Zuvor wurden die Organe entnommen, die in sogenannten Kanopen beigesetzt wurden, und stattdessen Gewürze, Palmwein und Honig eingefügt. Die Muskeln wurden teilweise mit Sägespänen aufgefüllt, als Augäpfel dienten Silberzwiebeln. Zum Schluss wurde der Leichnam mit Bitumen, also Pech eingestrichen und bandagiert. Zwischen die einzelnen Schichten legten meine Kollegen damals Papyrusblätter mit Schriftzeichen und Schmuckstücke wie den Skarabäus Käfer. Nun fehlte nur noch die Gesichtsmaske, eine der berühmtesten ist die von Tutanchamun aus reinem Gold So ausgestattet kamen die Verstorbenen dann in der Ewigkeit an und dank der Kunst ihrer Präparatoren (Einbalsamierer) konnten sie dort weitermachen, wo sie auf Erden aufgehört hatten – so zumindest die Hoffnung.

Während meines Zivildienstes habe ich bei einem Bestatter gejobbt, so entstand die Liebe zu meinem späteren Beruf. Wenn ich heute einen alten Sarg öffne, interessiert mich nicht nur der Inhalt, sondern auch die Verpackung. Wie ist er beschaffen? Bei älteren Särgen sind die Hobelspäne sehr dick. Manchmal sehe ich einen Schreiner von vor hundert, zweihundert Jahren vor mir, wie er diese groben Späne aus dem Holz schleift. Oder einen Schneider, der die Uniform des Verstorbenen auf seinen irdischen Leib maßangefertigt hat. Und so liegt er vor mir in der Holzkiste in Paradeuniform. Da steigt ein Hauch von Geschichte auf. Zumal ja viele der in Grüften bestatteten Verstorbenen historisch bedeutsame Personen waren. Und so beuge ich mich über einen Leichnam, der Seit an Seit mit Napoleon auf einem Gemälde zu sehen ist, die Knöpfe an seiner Uniform sehen aus wie neu – ein Gänsehaut-Moment. Vor hunderten von Jahren war dieser Leichnam ein lebendiger Mensch. Was wird er uns erzählen, wenn wir ihn untersuchen? Zuerst einmal aber müssen wir ihn bergen, sehr behutsam aus seinem Sarg heben.

Eine der bekanntesten Mumien in letzter Zeit ist Ötzi. Obwohl sein Fund im Eis nun schon Jahrzehnte zurückliegt, finden Wissenschaftler aus der ganzen Welt immer neue Details über seine Lebens- und Todesumstände heraus. Das liegt zum einen daran, dass ständig neue technische Verfahren erfunden werden, zum anderen haben die verschiedenen Forschergruppe auch verschiedene Spezialgebiete."




 

Alfred Riepertinger